Mein Weg
Als meine Tochter ein Jahr alt war, starb ihre Mutter an Krebs.
Das ist der Satz, mit dem ich anfangen will. Weil danach alles anders war. Und weil davor alles aussah, als wäre es normal.
Vorher habe ich funktioniert.
Mit fünfzehn habe ich die Schule abgebrochen. Ich war gut darin, mich zu betäuben. Computerspiele bis vier Uhr morgens. Cannabis danach, um den Kopf auszuschalten. Dann noch etwas, um den Körper zu vergessen.
Ich dachte, so fühlt sich Leben an. Dieses dumpfe Surren hinter den Augen. Dieses Nichts im Bauch, dort wo etwas hätte brennen sollen.
Mit vierzehn hatte ich angefangen, HipHop-Texte zu schreiben. Mein Vater hat mir einen Rat gegeben: „Schreib über etwas, das nur du erzählen kannst.“ Das habe ich getan. Ich habe meine Stimme tausende Male in Kopfhörern gehört, jede Aufnahme, jeden Take. Ich habe gehört, wo ich kratze, wo ich sinke, wo ich lüge. Ich habe gehört, wo ich Hintertüren einbaue, weil ich mich nicht traue. Das Album heißt Leuchtturm. Es ist auf Spotify. Bewusster HipHop, ganz ungefiltert ich.
„Auf uns lastet ein Fluch. Wir fangen alles an, aber bringen nichts zu Ende.“
Mein Vater, bei einem Spaziergang
Ich habe diesen Satz lange geglaubt. Ich war wütend auf mich, als ich das Klavier wochenlang liegen gelassen oder die Bio-Gärtnerei beiseite gelegt habe. Heute fühle ich: Der Fluch ist, halb bei der Sache zu sein. Meine Tür heißt Verkörperung. So tief in dem sein, was ich tue, dass alles dieselbe Frequenz trägt. Wer drin ist in dem, was er tut, lebt schon im Ziel. Die Frage, ob ich etwas zu Ende bringe, löst sich auf.
Dann ist sie gestorben.
Dann ist die Mutter meiner Tochter gestorben. Aylin war ein Jahr alt. Plötzlich war kein Platz mehr für Betäubung, weil ein kleiner Mensch mich brauchte. Ganz. Ohne Filter.
Ich hatte bis dahin nicht wirklich gelebt. Ich hatte funktioniert.
Ich habe angefangen zu spüren. Zuerst war es unangenehm. Dann hat es wehgetan. Dann bin ich ruhiger geworden.
Was ist, wenn ich nur noch sechs Monate zu leben habe?
Ich habe mir diese Frage gestellt, und sie hat alles verändert. Mit dieser Antwort habe ich Wien verlassen.
Südtirol, Indien, Korfu, Peru.
Südtirol kam danach. Ich war am Ende. Und ich hab gespürt: Wenn ich in dieser Stadt bleibe, mit diesen Erinnerungen und Gewohnheiten, dann ersticke ich.
Der Katzensteig. Nadelbedeckte Pfade. Und Luft, die so rein war, dass mir schwindelig wurde beim Atmen. Morgens bin ich gelaufen, bevor Aylin aufgewacht ist. Abends habe ich auf die Berge geschaut und gespürt, wie etwas in mir zur Ruhe kommt, das jahrelang in Aufruhr war.
Ich bin in Südtirol zum ersten Mal ohne Substanzen eingeschlafen und am Morgen aufgewacht mit dem Gefühl, dass ich lebe. Wirklich lebe.
Bei einem Besuch bei meiner Mutter habe ich Aylin gefragt, ob ich ihr etwas vorlesen soll. Sie rannte davon, und brachte mir, zu meiner großen Verwunderung, Die Kunst des Qi Gong. Sie war gelangweilt. Ich war berührt. In diesem Moment habe ich gespürt: Da ist nicht nur Körper, Emotionen und Gedanken. Da ist Energie, die durch mich fließt.
Ich bin Sadhguru begegnet und habe einen Kurs nach dem anderen besucht, Inner Engineering, Surya Kriya, Bhava Spandana, bis ich in Indien in seinem Ashram saß. Ich verbrachte Stunden in absoluter Stille im Tempel. Der Stein unter mir war kühl. Ich habe meinen eigenen Atem gehört und gespürt, wie der Lärm der Welt von mir abfällt.
Auf Korfu reiste ich durch die unbewussten Bilder meiner Seele, in einer Ausbildung zum Reinkarnationstherapeuten. Ich bin einem Schatten nach dem anderen begegnet, habe die Emotionen, die ich so lange unterdrückt hatte, durch meinen Körper fließen lassen. In der letzten Session sah ich mein erfülltes Leben vor mir: eine Bühne vor Tausenden, mein Orchester spielt meine Lieder, rechts von mir eine Frau an meiner Seite und Aylin. Der Geschmack dieses erfüllten Lebens war auch nach der Reise unvergesslich auf meinen Lippen. Und da wusste ich: Ich werde alles tun, um diesen Traum zu leben.
Letztes Jahr, in den Bergen von Peru, auf 5000 Metern bei Apu Ausangate, habe ich von den Nachfahren der Inkas erfahren, was eine reine Form des Gebets ist. Wenn der Mittelsmann nicht die Kirche ist, sondern ich selbst. Ich habe gelernt, meinem Körper zu vertrauen, bevor mein Kopf zustimmt. Zu glauben und erst später zu sehen. Dass ich meine Flügel finde während des Falls. Und dass ich für mich hier bin.
In Belgien haben sie mich Klaus genannt.
Belgien war ein Neuanfang von Null. Aylin und ich sind zu meiner Ex-Partnerin gezogen. Ich habe die finanzielle Sicherheit des Arbeitslosengeldes aufgegeben.
Im Callcenter haben sie mich Klaus genannt, bis ich meine Verkaufsquote erreicht habe. Dann hatte ich einen Namen. Ich bin nach einem Krankenstand gekündigt worden. Danach eine Küche mit einem französischen Koch, der seinen Frust an mir ausgelassen hat. Ich habe gelernt, zu schweigen und zu schneiden.
„Wenn du mehr Raum für dein Business haben willst, dann musst du ihm mehr Raum geben.“
Karoline LaFleur, bei einem Geburtshoroskop-Reading
Ich habe gekündigt. Selbstständigkeit von Halbtags auf Vollzeit. Energetische Begleitung. Einzelsitzungen. Reinkarnationstherapie-Wochen. Etwas Resonanz, zu wenig zum Leben.
Dann kamen die ersten Webdesign-Anfragen. Ich war zuerst gelangweilt. Dann habe ich mir eine Frage gestellt: Was wenn ich bei jedem Projekt meinen Horizont erweitere? Und dann die nächste: Was wenn jede Webdesign-Session Coaching-Elemente trägt?
Aus diesen zwei Fragen ist alles entstanden, was ich heute tue.
Diese Seite bin ich.
Als ich angefangen habe, Webseiten zu bauen, wollte ich coachen. Die Menschen haben herausgefunden, dass ich auch Webseiten bauen kann, und sind dafür gekommen. Das hat mich frustriert. Bis ich etwas entdeckt habe: Auf dem Weg in die Sichtbarkeit tauchen so viele Ängste auf, so viele Fragen, dass das Coaching einfach passiert.
Heute sage ich es im ersten Gespräch: Du kommst für eine Webseite. Was dir begegnet, ist deine eigene Essenz.
Ich höre stundenlang zu, bevor ich ein Wort schreibe. Sprachnachrichten, Gespräche, Aufnahmen. Ich lese, was zwischen den Zeilen steht, und destilliere. Ich will, dass jedes Wort deine Essenz trägt und dass möglichst wenig von mir kommt.
Ein Nachmittag im März. Ich schicke Manja zwei Links per WhatsApp. Sie öffnet ihre neue Seite zum ersten Mal. Am Abend kommt ihre Antwort: „Es ist sooooooo großartig, was du aus dir heraus zauberst. Diese Seite bin ich. Ich kann mich zu 100% damit identifizieren.“
Dafür gibt es ein altes Wort: Alchemie. Aus Rohmaterial wird Gold. Und das Gold gehört ihr. Es war die ganze Zeit da. Ich habe es destilliert, sie hat sich darin erkannt.
Das, was ich mache, ist genial. Das kann niemand anderer. Ich sage das in ruhiger Gewissheit. Ich bin durch genug Versagen gegangen, um zu wissen, was wahr ist.
Webdesign, Sparring, Begleitung zurück in den Körper. Die gleiche Alchemie. Anderes Material.
Heute koche ich Risotto und höre Stimmen.
Heute lebe ich in Belgien mit Aylin und unserer Katze. Morgens um sechs ist die Welt still. Aylin schläft. Die Katze hat sich auf den Stuhl gelegt, als gehöre er ihr. Er gehört ihr.
Ich sitze auf meinem Zabuton und atme. Nichts anderes. Nur atmen. Und beobachten, wie der Lärm der letzten Tage von mir abfällt, Schicht für Schicht.
Manchmal kommt etwas hoch. Ein Satz, den jemand gesagt hat. Ein Bild von früher. Eine Trauer, die sich anfühlt wie ein alter Freund, der vorbeischaut. Ich lasse alles da sein. Ich frage nichts. Ich will nichts. Ich bin einfach hier.
Mein Kopf hat manchmal schon um sechs Uhr früh alle sechsundfünfzig Schritte ausgelegt, bis dahin, wo ich hin will. Drei Jahre als mein eigener Chef haben mir eines beigebracht: Stress ist eine Sucht, eine Bewegung meines Geistes, die ich füttern oder unterbrechen kann. Ich kenne einen Satz, der mich unterbricht: Wenn mein Leben ein Buch wäre, es hätte den Titel Genuss. Mit diesem Satz hole ich mich zurück. Der Tee schmeckt wieder köstlich. Wärme pulsiert durch meinen Körper.
Wenn Aylin aufwacht und in die Küche tappt, bin ich bereit. Ganz da. Für sie. Für diesen Tag.
Tagsüber höre ich Stimmen und destilliere sie zu Gold. Und ich coache in jedem Gespräch, in dem ich wirklich zuhöre.
Abends koche ich Risotto. Brühe Kelle für Kelle. Rühren, warten, rühren. Aylin sitzt am Tisch und malt. Sie hat mich einmal gefragt, warum ich so langsam koche. Ich habe gesagt: Weil der Reis mir sagt, wann er bereit ist. Sie hat gelacht und weitergemalt.
Manchmal gehe ich in den Wald. Barfuß, wenn das Wetter es zulässt. Mein Kopf ist laut, wenn ich losgehe. Nach zwanzig Minuten ist alles still. Im Wald räume ich mich auf, Schritt für Schritt.
An meinem Geburtstag im April übe ich Ellbogen-Landungen auf dem Balance Board und vergesse die Ninja-Rolle. Ein Schock fährt von der Schulter bis in die Zehenspitzen. Neun Stunden Notaufnahme. Ich liege im Bett, und es fühlt sich unfair an, als hätte der Lieferant sich vertan. Dann werde ich ruhiger. Das Hamsterrad steht still, Stunden vergehen in Stille. In dem Raum, der dadurch entsteht, wird mir klar: Dieses Paket ist eine Einladung in die Stille, genau für mich. Das Universum liefert keine falschen Pakete.
Ich kann Schmerzen fühlen ohne zu leiden. Ich habe das lange geübt.
Ich liebe dieses Leben. Ich bin der Hauptakteur darin.
Wenn etwas in dir antwortet
Wenn du das gelesen hast und etwas in dir geantwortet hat, dann bist du genau richtig hier.
Ich mache Tee. Wir sitzen zusammen. Vielleicht reden wir. Vielleicht ist es erstmal still.